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Samstag, Juli 13, 2024

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Kommt Rettung für Galeria aus Thailand? 

Die Chirathivats aus Bangkok gehören zu Asiens reichsten Familien. Viele Kaufhäuser auch in Europa gehören bereits zu ihrem Mischkonzern, etwa das KaDeWe. Expandieren die Milliardäre nach der Galeria-Pleite nun weiter in Deutschland?

Nach den Signa-Insolvenzen um den österreichischen Milliardär René Benko gerät eine thailändische Milliardärsfamilie ins Blickfeld der Öffentlichkeit: die Chirathivats aus Bangkok. Sie sind laut dem US-Magazin Forbes die viertreichste Familie Thailands sowie die zehntreichste Familie Asiens. 

Ihnen gehört die Central Group, ein riesiger und weitverzweigter Mischkonzern mit Hotels, Restaurants und rund 120 Kaufhäusern, darunter 16 Luxus-Kaufhäuser. Benko war ihr wichtigster Handelspartner in Europa. Mit 50,1 Prozent ist die Central Group bereits Mehrheitseigner von Signa Premium und damit deutscher Luxus-Kaufhäuser wie dem KaDeWe in Berlin, dem Alsterhaus in Hamburg und dem Oberpollinger in München. 

Tos Chirathivat

Geführt wird die Central Group von Tos Chirathivat.

Es sei gut möglich, dass die thailändische Central Group die Insolvenz der österreichischen Signa Holding nutze, um die altehrwürdigen Kaufhäuser komplett zu übernehmen, sagt Pavida Pananond, Professorin an der Thammasat Business School in Bangkok. Auch die Übernahme weiterer Filialen der insolventen Galeria Karstadt Kaufhof passe zur ausgerufenen Strategie der Central Group, in Europa zu expandieren. 

Welche Filialen interessant sein könnten

Diese Sicht teilt Johannes Berentzen von der Münchner Handelsberatung BBE. „Sie haben den Anspruch erhoben, die größte weltweit führende Luxuswarenhauskette zu werden. Die Central Group könnte vor allem Interesse an den teuren Filetstücken haben, an ausgewählten Standorten.“ Zehn bis 20 der Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof könnten für die Investoren aus Thailand interessant sein, sagt Berentzen; Standorte in großen Städten, mit einem großen Einzugsgebiet und hoher Kaufkraft. Auf Anfrage will sich dazu kein Vertreter des Familienunternehmens äußern.

Geführt wird die Central Group von dem 59-jährigen Tos Chirathivat. Er ist der Enkel des Firmengründers Tiang Chirathivat. Den zog es 1925 aus dem chinesischen Hainan nach Bangkok, wo er wenig später seinen ersten Laden aufmachte. 1956 eröffnete sein Sohn Samrit, der Vater des heutigen CEOs, in Bangkok das erste Shoppingcenter Thailands.

Heute ist die Central Group in Thailand die größte Betreiberin von Shoppingcentern. Das Vermögen der Familie wird vom US-Magazin Forbes auf 12,4 Milliarden Dollar geschätzt.

„Wir bleiben langfristig“

Der Gruppe gehören nicht nur Anteile an Warenhäusern in Deutschland, sondern in mehreren europäischen Ländern, unter anderem Globus in der Schweiz, La Rinascente in Italien, Illum in Dänemark oder Selfridges in England. Bei Letzterem hat der thailändische Investor erst im vergangenen November die finanziellen Schwierigkeiten von Signa genutzt und seine Anteile aufgestockt. 

Auf die Frage, warum ausgerechnet die Central Group aus Thailand europäische Warenhäuser retten müsse, antwortete der Geschäftsführer Tos in einem seiner seltenen Zeitungsinterviews im Jahr 2022 im Magazin „Monocle“: „Weil es nicht einfach ist und niemand sonst es mehr tun will. Die Leute wollen lieber investieren, kaufen, verkaufen, Geld verdienen und weiterziehen.“ Die Central Group sei anders. „Wir bleiben langfristig und verkaufen fast nie etwas. Es kann Jahre dauern, ein Projekt abzuschließen, vor allem in Europa. Ich sehe nicht mehr viele Menschen oder Unternehmen, die dazu bereit sind.“

Die Erfahrung im Einzelhandel und mit großen Warenhäusern unterscheide die thailändische Central Group maßgeblich vom österreichischen Investor René Benko, sagt Handelsexperte Berentzen. „Sie sagen nicht, ich spekuliere mal wie der Benko und betreibe eigentlich ein Immobiliengeschäft. Sondern sie haben breite Handelserfahrung, auch in Europa, sogar in Deutschland.“

Familienkonzern als Chance und Risiko

Doch auch die Central Group schaut auf schwierige Zeiten zurück. Während der Corona-Pandemie haben Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie gelitten. Die Familie verlor nach Schätzung des US-Magazins Forbes rund die Hälfte ihres Vermögens und rutschte von Platz zwei auf Platz vier der reichsten Familien Thailands ab.

Das Timing war schlecht. Im Februar 2020 ging das Familienunternehmen mit ihrer Einzelhandelssparte an die Börse. Mit 2,5 Milliarden Dollar war es Thailands größter Börsengang. In der Zeit wurden jedoch die ersten Covid-Infektionen außerhalb Chinas gemeldet. Innerhalb weniger Wochen verlor die Aktie die Hälfte ihres Werts. Bis heute hat sie sich nicht vollständig erholt. 

Der familiengeführte Betrieb ist Chance und Risiko zugleich. Unternehmensgründer Tiang Chirathivat hatte 26 Kinder mit drei Frauen. Die Familie umfasst heute mehr als 200 Angehörige – viel Auswahl für potenziellen Nachwuchs fürs Unternehmen. Zahlreiche Familienmitglieder arbeiten im Unternehmen. Schaut man sich auf der Homepage den Aufsichtsrat an, zeigt sich: Weniger als die Hälfte trägt nicht den Namen Chirathivat. Im siebenköpfigen zentralen Führungsgremium, dem „Executive Committee“, ist es kein Einziger. 

Auch Schauspieler und Rapper gehören zum Clan

Doch nicht jeder sei bereits durch den Namen geeignet, ein Unternehmen zu führen, sagt Handelsexperte Berentzen. Die Nachfolge und Auswahl von geeigneten Familienmitgliedern müsse gut organisiert sein und klaren Regeln folgen. Konzernchef Tos Chirathivat betont gerne, dass nur Familienmitglieder in die Geschäftsführung aufgenommen würden, die nach einem harten Auswahlprozess drei Viertel der Stimmen des Aufsichtsrats erhielten. 

Der „Familienrat“ entscheide ebenfalls, wie Vermögen eingesetzt wird, über die Ausbildungswege des Nachwuchses und unterstütze Familienmitglieder, die nicht aktiv am Geschäft beteiligt sind, erklärt Wirtschaftsprofessorin Pananond. Die wohlhabende Familie könne ihren Kindern eine sehr gute Ausbildung ermöglichen. Damit seien sie gut vorbereitet auf ihre zukünftigen Aufgaben und hätten als Familie ein breites Netzwerk in Politik und Wirtschaft, so Pananond. Ein Nachteil sei, dass häufig die Älteren das Sagen hätten und es wenig Chancen für externe qualifizierte Kandidaten gebe. 

Die Familie arbeitet nicht nur eng zusammen, sondern lebt von Anfang an auch zusammen in einer Wohnanlage im Zentrum Bangkoks – rund 50 Chirathivats über drei Generationen. Als die Anlage zu alt und zu klein für alle wird, wird neu gebaut. Bis heute sollen noch viele Familienmitglieder zusammen in drei Wohnkomplexen über Bangkok verteilt wohnen. 

Während Tos als eher medienscheu gilt, sind andere Sprösslinge des Familien-Clans weniger zurückhaltend. Pachara „Peach“ Chirathivat ist Schauspieler, Sänger und Model. Patsarakorn „Pok“ Chirathivat ist Rapper, Moderator eines eigenen YouTube-Channels und mit einer thailändischen Schauspielerin verheiratet.

Parallelen zur Brenninkmeyer-Familie

Der Vorstandsvorsitzende Tos Chirathivat ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er half bereits als Jugendlicher in den elterlichen Läden aus. Später studierte er in New York an der Columbia-Universität Finanzwissenschaften. Anfangs wollte er Investmentbanker werden. Ein Jahr arbeitete er bei der Citibank in Thailand, dann schloss er sich doch dem Familien-Geschäft an, eröffnete eine neue Supermarktkette. Seit 2013 ist er Chef der Central Group. Vom E-Commerce verstehe er selbst nicht genug, aber dafür jüngere Familienmitglieder wie sein Sohn, erklärte er einmal. 

Handelsexperte Berentzen sieht Parallelen zur Brenninkmeyer-Familie in Deutschland, den Gründern des Textilhandelsunternehmens C&A. Die über 500-köpfige Großfamilie zählt mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 25 Milliarden Euro zu den reichsten Familien Europas. Auch sie führt einen Mischkonzern mit Einzelhandel, Hotels, Gaststätten und Immobilien. Viele Mitglieder der Familie sind wie bei den Chirathivats im operativen Geschäft tätig. 

Am Ende zähle im Insolvenzverfahren um Signa, wer das meiste Geld mitbringt. Und da habe die familiengeführte Central-Group aus Thailand durchaus gute Chancen. Sie könnten vermutlich mehrere Hundert Millionen Euro in die Kaufhäuser stecken, schätzt Handelsexperte Berentzen. Auch wenn er denkt, dass die Kaufhäuser in verschiedene Hände gehen werden. 

Modeschauen und Konzerte im Shopping-Center

Sollten einige Häuser an die Central Group gehen, könnten die Standorte eine Zukunft haben. Vorstandschef Tos legt Wert darauf, dass die jeweiligen Häuser sich der lokalen Kultur anpassen. Jedes Kaufhaus solle für sich einzigartig sein, damit Kunden einen Grund hätten, dorthin zu gehen. Wirtschaftsprofessorin Pananond betont, dass dies bereits in Italien erfolgreich geklappt habe. In der Schweiz hat die Central Group sich von Filialen in kleineren Städten getrennt, auf die großen konzentriert und grundlegend erneuert. Das Geschäft laufe wieder. 

In Asien haben Shoppingcenter einen hohen Stellenwert. Menschen verbringen gerne viel Zeit dort, sagt Pananond. Es sind Orte der Begegnung, in denen man einkauft, isst, ins Kino oder Fitnesscenter geht sowie seine Kinder zur Kita bringt. In den Warenhäusern der Central Group in Thailand finden Modenschauen, Konzerte und andere Events statt, kombiniert mit dem Online-Geschäft. Ein ähnliches Modell könnte der Familienkonzern aus Thailand auch in Deutschland umsetzen.

Von Jennifer Johnston, ARD Singapur

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