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Montag, Mai 27, 2024

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«Luzern ist das schönste Outdoor-Shoppingcenter der Schweiz»

Josef Williner war fünf Jahre lang Präsident der Luzerner City Vereinigung. Nun tritt er ab. Im Gespräch mit zentralplus blickt er auf fünf Jahre zurück, die sich «wie eine Achterbahn» anfühlten.

Lädeli-Sterben, Onlinehandel, leere Ladenflächen, Coronapandemie, Parkplatzabbau. Die Aufzählung liesse sich fortführen. Es sind Begriffe, die ein düsteres Bild für das Gewerbe in der Stadt Luzern zeichnen. Ein Bild, in dem das Leben in der Innenstadt zunehmend ausstirbt. Begriffe, die an leere Gassen und verwaiste Geschäfte denken lassen.

Josef Williner sieht das anders. Er war die vergangenen fünf Jahre lang Präsident der Luzerner City Vereinigung und damit direkt am Puls des Geschehens in der Innenstadt Luzerns. Diese Woche tritt der 67-Jährige von seinem Amt zurück. zentralplus hat ihn zum Gespräch getroffen und gefragt, welche Zukunft er für die Stadt Luzern sieht. So viel vorneweg: Schwarzmalen kommt für ihn nicht infrage.

zentralplus: Herr Williner, wenn Sie heute durch die Stadt Luzern spazieren und die Situation mit derjenigen vor fünf Jahren vergleichen, was hat sich verändert?

Josef Williner: Im Grunde gar nicht so viel. Es sind weniger Menschen auf den Strassen unterwegs, hier spürt man den Effekt der Pandemie noch. Die fehlenden Touristen kommen nun aber langsam wieder zurück. Und es sind einige kleinere Läden eröffnet worden, die es vor fünf Jahren noch nicht gab. Andere sind verschwunden. Erfreulich ist, dass die Zahl der leeren Verkaufsflächen wieder rückläufig ist. Und da sind natürlich noch die farbigen City-Stühle, welche die City Vereinigung all ihren Mitgliedern am 50-Jahr-Jubiläum zur Verfügung stellte. Die Stühle sind eine Erfolgsgeschichte.

zentralplus: Eines der Highlights Ihrer Amtszeit?

Williner: Definitiv. Die Stühle sind ein Blickfang, und wir erhalten viele positive Rückmeldungen dafür. Die Geschäfte machen mit, auch die Stadt war beim Bewilligungsprozess sehr unkompliziert. Die Stühle sind ein Mehrwert und steigern die Attraktivität der Einkaufsstadt.

zentralplus: Worauf blicken Sie ebenfalls gern zurück?

Williner: Natürlich auf unser Jubiläumsfest im Kleintheater im Jahr 2019. Wir konnten auch die Zahl unserer Mitglieder laufend erweitern. Und was mir besonders gefällt: Es sind längst nicht nur Mitglieder aus dem Detailhandel dabei. Der Detailhandel ist nur ein Puzzleteil des gesamten Gewerbes in der Stadt. Wir haben mittlerweile Mitglieder aus allen Sektoren, von Banken, Versicherungen, Hotels über kulturelle Institutionen bis hin zum Coiffeurstudio. Sogar die Peterskapelle ist Mitglied. Man hat realisiert, dass es ein Zusammenspiel und den regelmässigen Austausch aller Akteure braucht, um die Innenstadt zu stärken. Mir war es immer wichtig, konstruktiv und lösungsorientiert mitzuarbeiten. Die City Vereinigung Luzern wurde sehr oft zur Mitarbeit angefragt, das ist für mich auch ein Zeichen der Wertschätzung.

zentralplus: Warum ist Ihnen diese Zusammenarbeit so wichtig?

Williner: Zusammen stehen die Erfolgschancen, die Stadt respektive das Gewerbe weiterzuentwickeln, wesentlich besser. Wir alle profitieren gegenseitig voneinander – Detailhandel, Gastronomie, Hotels, Tourismus. Das zeigt sich bei der City-Card. Heute kann ich mit der City-Card nicht nur in Läden einkaufen, sondern auch Schifffahren, ins KKL oder im Restaurant essen gehen. Und das bedeutet, dass die Wertschöpfung in der Stadt bleibt. Die Karte ist unterdessen extrem beliebt. Gerade während der Pandemie haben die Verkäufe der City-Card um über 50 Prozent zugenommen.

«Das Gewerbe ist der Herzschrittmacher für eine lebendige Stadt.»

zentralplus: Das klingt jetzt alles so rosig. Doch Ihre Amtszeit war vor allem durch Corona geprägt. Für den Handel in der Stadt eine unbeschreibliche Zäsur.

Williner: Natürlich war die Pandemie für uns ein Schock. Als der Lockdown ausgerufen wurde, war das brutal. Wir waren wie gelähmt. Für uns war es dann eine sehr intensive Zeit. Unsere Mitglieder hatten zahlreiche Fragen, und unsere Aufgabe war es, ihren Sorgen zuzuhören und zu helfen. Gleichzeitig standen wir im regelmässigen Austausch mit den Regierungsräten Guido Graf und Fabian Peter. Die Pandemie war der Tiefpunkt auf der Achterbahnfahrt während meiner Zeit als Präsident. Aber ich sehe sie auch als Chance für die Stadt.

zentralplus: Inwiefern?

Williner: In dieser Zeit sind wir näher zusammengerückt, haben uns ausgetauscht und gemeinsam Ideen gesucht, um in dieser schwierigen Zeit das Gewerbe zu unterstützen. Beispielsweise haben wir zu Beginn eine Solidaritätsplattform lanciert und später die Solidaritätskampagne «Kauf lokal – Schenk mit Herz». Viele wurden sich erst dann wieder bewusst, was es heisst, das lokale Gewerbe zu unterstützen und lokal einzukaufen. Natürlich ist dieser Hype seit der Pandemie wieder etwas abgeflacht, aber es fand ein Umdenken statt. Das Gewerbe ist der Herzschrittmacher für eine lebendige Stadt. Wenn die Läden zu sind, ist die Stadt tot. Und auch für die Geschäfte war die Pandemie eine Chance. Viele haben realisiert, dass sie einen Onlineauftritt brauchen, um präsent zu sein. Unglaublich war in dieser schwierigen Zeit auch die Kreativität einzelner Geschäfte. Neue Ideen und Verkaufskonzepte sind in kürzester Zeit entstanden.

zentralplus: Kritiker sagen, die Innenstädte befinden sich in einem schleichenden Niedergang, der durch die Pandemie befeuert wurde. Wie sehen Sie das?

Williner: Dieser Schwarzmalerei entgegne ich, dass Luzern einzigartig ist. Der See, die Berge, ein vielfältiger Branchen- und Dienstleistungsmix. Wo sonst gibt es das? Luzern ist das schönste Outdoor-Shoppingcenter der Schweiz. Darum bin ich absolut überzeugt, dass das Gewerbe und der Detailhandel in Luzern eine Zukunft haben.

zentralplus: Woraus ziehen Sie diese Zuversicht?

Williner: Während der Pandemie haben die Leute vor allem die sozialen Kontakte vermisst. Und in der Stadt, in den Läden und Restaurants, finden sie diese Kontakte. Solche Begegnungen werden immer zentraler. Natürlich wird der Onlinehandel weiterwachsen, aber der «digitale» Einkauf kann niemals das Einkaufs- und Genusserlebnis ersetzen. Und auch die Touristen kommen wieder vermehrt nach Luzern. Das Gewerbe in der Stadt hat sich schon gut erholt von der Pandemie. Darum sind auch die Detailhändler zuversichtlich.

«Wenn wir die Stadt weiterentwickeln wollen, ist die Zeit des Ehrenamts vorbei. Dann braucht es eine Professionalisierung.»

zentralplus: Und welche Baustellen hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger?

Williner: Die Ladenöffnungszeiten im Abendverkauf am Donnerstag. Wir haben zwar endlich erreicht, dass die Läden am Samstag bis um 17 Uhr offen haben dürfen. Das ist extrem wichtig und stärkt den stationären Detailhandel in unserer Tourismusstadt. Aber der Abendverkauf funktioniert seit der Pandemie nicht mehr richtig. Die Geschäfte haben unterschiedliche Öffnungszeiten und machen beim Abendverkauf teilweise nicht mehr mit. Dies verunsichert die Kundinnen und Kunden. Darum müssen wir uns langfristig fragen, wie wir den Abendverkauf neu lancieren. Zudem bereitet mir der schleichende Abbau von Parkplätzen in der Innenstadt Sorgen. Deshalb befürworten wir klar das Projekt Stadtpassage, weil so neue Parkplätze in kurzer Gehdistanz zur Innenstadt entstehen.

zentralplus: Und was ist mit der Baustelle City-Manager?

Williner: Der City-Manager ist keine Baustelle, sondern ein zukunftsweisendes und wichtiges Projekt, aber es braucht noch etwas Zeit bis zur Einführung. Wir bauen derzeit am Fundament – es kommt immer besser. Es stimmt, dass wir das Profil des City-Managers ursprünglich wohl etwas überladen haben, weshalb das Stadtparlament nur mässig begeistert war von der Idee (zentralplus berichtete). Im Hintergrund haben wir zusammen mit den involvierten Organisationen das Profil mittlerweile geschärft. Ich bin zuversichtlich, dass wir in weniger als zwei Jahren ein City-Management haben.

zentralplus: Braucht es das überhaupt? Schliesslich gibt es ja bereits die breit abgestützte City Vereinigung?

Williner: Die City Vereinigung setzt sich primär für das Gewerbe ein. Der neue City-Manager hat einen viel breiteren Fokus, weil er den Einbezug aller innenstadtrelevanten Interessengruppen fördert. Und es ist eine professionelle Stelle. Die City Vereinigung und andere Verbände arbeiten ehrenamtlich. Doch wenn wir die Stadt weiterentwickeln wollen, ist die Zeit des Ehrenamts vorbei. Dann braucht es eine Professionalisierung. Andere Städte wie beispielsweise Basel oder Bern sind da schon viel weiter.


Autor: Elio Wildisen

Redaktor bei zentralplus mit Themen-Schwerpunkt Mobilität & Lebensraum. Hat an der Universität Bern Geographie studiert. Wenn nicht in der Redaktion oder auf Reportage, meistens auf dem Fussballplatz anzutreffen.

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